Die Welt hält mehr bereit, als wir sehen
«Sobald sie eine Kamera in der Hand halten, haben Sie die Lizenz zu sehen. Und nur ums Sehen geht es bei der Fotografie. Sie erfahren mehr über sich selbst und über die Welt um sich herum.»
Fotografie bedeutet nicht nur, seine Kamera zu beherrschen, dies ist nur eine Voraussetzung dafür, dass sie gelingen kann. Fotografie bedeutet, die Welt auf eine eigene Weise sehen zu lernen. Joel Meyerowitz’ Buch Die Lizenz zu sehen setzt genau da an. Es vermittelt weniger fotografisches Wissen als eine Haltung: offen zu sein für das, was sich zeigt, dem eigenen Instinkt zu vertrauen und die Welt nicht vorschnell in wichtige und unwichtige Motive einzuteilen. Es ist ein Buch, das die Art und Weise, die Welt wahrzunehmen, verändern kann.
Meyerowitz, 1938 in der Bronx geboren, kam praktisch durch Zufall zur Fotografie. Als junger Art Director erlebte er 1962 Robert Frank bei der Arbeit. Die Art, wie Frank eine alltägliche Situation beobachtete und im richtigen Moment festhielt, beeindruckte ihn so sehr, dass er seinen Beruf aufgab und selbst mit der Kamera auf die Strasse ging. Fortan fotografierte er das Leben New Yorks: Menschen, Gesten, Begegnungen, Überschneidungen – jene flüchtigen Konstellationen, die nur für einen Augenblick bestehen.
Schon früh arbeitete er mit Farbe, zu einer Zeit, als diese in der künstlerischen Fotografie noch weithin als oberflächlich oder kommerziell galt. Meyerowitz trug in den 1970er-Jahren entscheidend dazu bei, ihre Wahrnehmung zu verändern. Später wandte er sich auch der Landschaft, dem Porträt, dem Stillleben und langfristigen dokumentarischen Projekten zu. Bei aller Vielfalt blieb sein eigentliches Thema jedoch immer dasselbe: die wache Gegenwart. Fotografieren bedeutet für ihn nicht in erster Linie, ein weiteres grossartiges Bild zu produzieren, sondern sich lebendig und bewusst auf einen Moment einzulassen.
Genau diese Haltung prägt ‚Die Lizenz zu sehen‘. Das Buch eröffnet die Reihe Masters of Photography, in der bedeutende Fotografinnen und Fotografen ihre Arbeitsweise anhand kurzer Lektionen vorstellen. Auf 128 Seiten und in zwanzig knappen Kapiteln spricht Meyerowitz über künstlerische Identität, Inspiration, Streetfotografie, das Alltägliche, Humor, Körpersprache, Komposition, Farbe und Schwarzweiss, Licht, Bildauswahl und die Entwicklung eigener Projekte. Die Texte sind eng mit seinen Fotografien verbunden und in der Ich-Form gehalten. Man hat deshalb weniger das Gefühl, ein Lehrbuch zu lesen, als einem erfahrenen Fotografen zuzuhören, der von seinem Leben mit der Kamera erzählt.
Viele seiner Ratschläge klingen zunächst beinahe selbstverständlich: aufmerksam bleiben, dem Zufall Raum geben, sich nicht von festen Regeln einschränken lassen, den Humor des Lebens wahrnehmen. Doch gerade darin liegt die Stärke des Buches. Meyerowitz macht deutlich, wie schwer es ist, diese vermeintlich einfachen Dinge wirklich zu tun. Wir sehen oft nur das, was wir bereits kennen oder suchen, statt mit einem Gefühl der Möglichkeit durch die Welt zu gehen, wozu Meyerowitz auffordert. Ein Motiv muss nicht spektakulär sein, manchmal ist es nur eine Geste oder die Beziehung zwischen zwei Menschen, eine Farbe in sonstiger Eintönigkeit oder ein kurzes Zusammentreffen voneinander unabhängiger Ereignisse.
Zentral an Meyerowitz Sicht auf die Fotografie ist die Vorstellung, dass Fotografie ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit ist und durch diese auch gesteuert wird. Die Wahl des Objektivs, die Distanz zum Geschehen, die Art der Komposition und selbst die Entscheidung für Farbe oder Schwarzweiss sind für ihn keine rein technischen Fragen, sie müssen zur eigenen Wahrnehmung und zum eigenen Temperament passen. So geht es denn auch nicht darum, zu lernen, wie man Meyerowitz’ Bilder nachahmen kann, sondern herauszufinden, wie man selbst sieht. Auch der begleitende, umfangreichere Onlinekurs folgt diesem Gedanken und zeigt ihn beim Fotografieren in New York, Siena und der Toskana; Buch und Kurs gehen auf dasselbe Masters-of-Photography-Konzept zurück, das über Technik hinaus zur Entwicklung einer eigenen fotografischen Identität führen möchte.
Ganz ohne Einschränkung ist das Buch allerdings nicht. Wer eine systematische Einführung in Technik, Bildgestaltung oder Streetfotografie erwartet, wird sie hier nicht finden. Die kurzen Kapitel streifen manche Fragen nur, und einige Gedanken bleiben eher inspirierende Sätze als ausführlich entwickelte Überlegungen. Das handliche Format ist angenehm, setzt der Wirkung mancher Fotografien jedoch Grenzen. Auch die ethischen und rechtlichen Schwierigkeiten der Streetfotografie – gerade ausserhalb der USA – spielen kaum eine Rolle. Der selbstbewusste Satz, die Strasse gehöre uns, besitzt eine befreiende Kraft, verlangt in der Praxis aber nach einer Ergänzung: Die Freiheit zu sehen ist nicht automatisch die Freiheit, jedes entstandene Bild ohne Rücksicht zu veröffentlichen.
Trotzdem empfinde ich die Kürze nicht vorwiegend als Mangel. Dieses Buch will keine Enzyklopädie sein. Es gibt keine fertige Methode vor, sondern weckt Lust, mit der Kamera hinauszugehen. Meyerowitz belehrt nicht von oben herab. Seine Neugier, sein Spieltrieb und seine Freude an der Welt sind auf beinahe jeder Seite spürbar. Darin liegt vielleicht seine wichtigste Lektion: Gute Fotografie entsteht nicht nur aus Können, sondern aus Anteilnahme. Man muss sich vom Leben noch überraschen lassen können.
Für mich ist ‚Die Lizenz zu sehen‘ ein grossartiges Buch. Müsste ich drei Bücher über Fotografie empfehlen, wäre es das zweite. Das erste wäre Andreas Feiningers ‚Die hohe Kunst der Fotografie‘. Beim dritten freue ich mich darauf, es irgendwann zu lesen. Vielleicht ist auch das ganz im Sinne von Joel Meyerowitz: offen zu bleiben für etwas, das man noch nicht kennt – aber bereits zu ahnen, dass es irgendwo auf einen wartet.


Viele starren nur noch auf ihr Smartphone und erkennen die Schönheit des Momentes nicht.
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Leider wahr!
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