Sandra von Siebenthal
Ich bin schon immer mit offenen Augen und Antennen durch die Welt gegangen, wollte sehen, was in ihr passiert. Ich mochte es, Dinge zu beobachten, Stimmungen wahrzunehmen, kleine Szenen zu entdecken und mir Geschichten dazu vorzustellen.
Auch die Fotografie habe ich früh für mich entdeckt. Mit der Kamera liess sich festhalten, was mich berührte, überraschte oder zum Hinschauen brachte. Über lange Strecken rückte sie jedoch in den Hintergrund. Die Philosophie und das Schreiben nahmen viel Raum ein, der Fokus lag auf dem Nachdenken, Analysieren, Fragen und Suchen nach Worten für das, was Menschen bewegt. Dabei ging die Liebe zu Geschichten nie verloren, sie begleitet mich seit meiner Kindheit. Mich interessiert, was sich in einem Moment zeigt, in einem Gesicht, in einem Ort, in einem Licht, in einem scheinbar nebensächlichen Detail, und was mir all das erzählen will.
Die Fotografie bringt mich heute genau dorthin zurück. Mit der Kamera wird die Welt konkreter. Ein Licht auf einer Wand. Eine Blume im Wind. Ein Mensch in einem unbeobachteten Moment. Ein Ding, das plötzlich mehr erzählt, als man ihm zugetraut hätte. Mich interessieren diese kleinen Szenen, in denen etwas sichtbar wird.
Ich fotografiere Menschen, Stimmungen, Natur, Strukturen, Alltägliches, Schönes und Seltsames. Ich mag Bilder, die nicht alles erklären. Bilder mit Atmosphäre, mit Humor, mit einem leisen Riss, Bilder für einen zweiten Blick. Dabei suche ich nicht das Perfekte, sondern das Lebendige: eine Geste, ein Blick, eine Spur, ein Zusammenspiel von Licht und Form. Manchmal entsteht daraus ein einzelnes Bild oder eine Serie, manchmal eine kleine Geschichte oder auch eine Reportage.
Auch wenn man sagt, dass Bilder mehr sagen als tausend Worte, fasziniert mich die Verbindung von Bild und Text. Dabei sollen Worte ein Bild nicht erklären oder beschweren, sie können es begleiten, vertiefen oder auch öffnen. So entstehen Bildnotizen, fotografische Miniaturen und Reportagen, die mehr festhalten als nur das Sichtbare.
Meine Fotografie bewegt sich zwischen Dokumentation und Poesie, zwischen Alltag und Abstraktion, zwischen Staunen und genauem Hinsehen. Sie darf leicht sein, ernst, humorvoll, still, eigenwillig.
Die Welt ist voller Geschichten. Manche stehen mitten auf der Strasse. Manche liegen im Gras. Manche sitzen uns gegenüber. Manche zeigen sich erst, wenn man nahe genug herangeht.
Mehr zu meiner Haltung findet sich im Manifest: Photosophin – eine Philosophie des Hinschauens.

