



Wenn ich mit meiner Kamera losziehe, treffe ich auf eine Welt, in der vieles gegeben ist: Ich kann weder das Licht bestimmen noch das Wetter, oft liegen auch die Motive vermeintlich unveränderlich vor mir. Und doch ist da mehr. Ich stehe zwar vor Vorhandenem, doch ich kann daraus etwas Eigenes machen. Ich entscheide, wohin ich schaue, welchen Ausschnitt ich wähle, was ich weglasse und wann ich auslöse.
Da ist plötzlich nicht mehr nur die Welt, wie sie ist, sondern die, wie ich sie sehe.
Das trifft für mich einen wesentlichen Punkt von Kreativität: Es geht nicht darum, aus dem Nichts etwas völlig Neues zu erschaffen, sondern mit dem umzugehen, was da ist, und darin Möglichkeiten zu entdecken. Plötzlich werden aus schlichten Wänden Bilder aus Licht und Schatten. Spiegelungen verwandeln vertraute Orte in etwas Rätselhaftes. Eine verwelkende Blume bekommt eine neue Schönheit. Alles nur, weil ich mich entscheide, genauer hinzusehen.
Die Welt hat sich nicht verändert, aber mein Verhältnis zu ihr. Gerade darin liegt für mich eine Form von Selbstwirksamkeit. Ich bin nicht nur Betrachterin dessen, was mir begegnet. Ich kann auswählen, gestalten, ausprobieren. Ich kann einen anderen Standpunkt suchen, näher herangehen, warten oder etwas verwerfen und noch einmal beginnen. Ich darf spielen, assoziieren, bewahren und verwerfen.
Dabei geht es nicht um Erfolg oder darum, etwas Vorzeigbares zu schaffen. Nicht jedes Bild entspricht dem, was ich gesehen oder erhofft habe. Nicht jedes Bild gelingt. Das gehört dazu. Aus einem misslungenen Bild kann ich etwas für das nächste lernen. Mit jedem Versuch wächst meine Sicherheit im Umgang mit der Kamera, und mein Blick auf die Welt verändert sich. Und vor allem ist jedes Bild eine neue Möglichkeit. Es kann gelingen.
Kreativität verlangt nicht, dass etwas sofort gut wird. Sie erlaubt den Versuch.
Auch im Leben ist vieles offen und nicht festgelegt. Trotzdem versuchen wir oft, möglichst viel festzulegen, weil uns das Sicherheit verspricht. Wir scheuen Versuche, weil wir fürchten zu scheitern oder uns fragen, was andere darüber denken könnten. Gerade dieser Gedanke ist einer der grössten Feinde der Kreativität. (Und ja: Menschen denken grundsätzlich eher wenig. Warum also sollten sie ausgerechnet über uns nachdenken? Und sollten sie es tun – was für eine Ehre 😉 )
Manchmal genügt schon ein kleiner Wechsel des Blickwinkels, damit aus etwas Vorhandenem eine neue Welt wird.
In der Fotografie – und auch im Leben.
