

Beim Fotografieren habe ich oft den Impuls, näher heranzugehen oder das Bild im Nachhinein zu beschneiden. Alles Überflüssige soll verschwinden, damit das Motiv deutlicher und die Komposition klarer wird. Häufig funktioniert das auch, denn ein engerer Ausschnitt kann ein Bild konzentrieren und ihm Kraft geben.
Es funktioniert aber nicht immer.
Bei diesem Bild war ich zunächst sicher, dass der engere Ausschnitt der bessere sein müsste. Der Mann am Wasser wird präsenter, der Sonnenschirm rechts bekommt mehr Gewicht, die Lichtspur auf dem Meer tritt deutlicher hervor. Das Bild wird grafischer und unmittelbarer. Trotzdem überzeugt mich inzwischen die weitere Version mehr.
Woran liegt es? Vielleicht gerade daran, dass sie weniger festlegt. Die Menschen werden kleiner, fast zu Figuren in einer Landschaft. Über ihnen öffnet sich der Himmel, vor ihnen liegt das Meer, dahinter treten die Berge in immer weicheren Tönen zurück. Der Strand bildet nur noch eine schmale, dunkle Zone am unteren Bildrand. Im Zentrum stehen plötzlich nicht mehr einzelne Menschen am Meer, sondern ihr Verhältnis zu diesem grossen Raum.
Die Aussage des Bildes verändert sich. Beim weiteren Bild wird deutlich, dass der freie Raum nicht einfach etwas ist, das man wegschneiden kann. Er wird selbst wichtiger Teil des Bildes. Er schafft Ruhe und Weite, vielleicht sogar ein wenig Distanz. Die Menschen sind da, aber sie beherrschen die Szene nicht. Sie gehören zu ihr.
Das zeigt mir deutlich, dass ein Bild nicht zwangsläufig stärker wird, wenn man alles verdichtet. Manchmal braucht ein Motiv Umgebung, damit es wirken kann. Ein kleiner Mensch kann gerade deshalb interessant werden, weil um ihn herum so viel Welt sichtbar bleibt. Eine einzelne Figur kann den leeren Platz neben sich brauchen, ein Baum den Himmel.
Beim Fotografieren frage ich mich deshalb immer öfter nicht nur: „Was gehört ins Bild?“ Ich stelle mir auch die Frage: „Wie viel Raum braucht das, was ich zeigen möchte?“
Das ist eine andere Form des Weglassens. Ich entferne nicht möglichst viel aus dem Bild, sondern ich verzichte darauf, alles wichtig machen zu wollen.
Beim Schreiben dieser Gedanken merke ich, dass mir oft stille Bilder näher sind als spektakuläre. Ich brauche nicht sofort eine Erklärung, ich mag die Offenheit. Ich mag es, dass mein Blick wandern kann, dass er verweilen und auch an Orte zurückkehren darf. Und manchmal merke ich dabei, dass das eigentliche Motiv gar nicht dort liegt, wo ich es zuerst vermutet habe.
So auch in diesem Fall: Das Motiv war weder der Mann noch der Sonnenschirm. Es war die Weite darum herum.

Beim weiteren Bild kommt einem auch der Gedanke: Die Sonne ist es, die alles Leben schenkte und schenkt. .
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Ja, ein schöner Gedanke. Und genau das mag ich: Wenn ein Gedankenraum eröffnet wird, eine Geschichte sichtbar wird.
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