
Der Mann hinter den bekannten Bildern
«…Freundschaften und deren Pflege waren für ihn nicht nur gelebtes Judentum…, sondern allgemein ein Modus des Umgangs mit anderen Menschen, wenn nicht gar die Quintessenz menschlicher Existenz überhaupt. Diese Fähigkeit… prägte nicht nur seine Strassenfotografie, sondern ganz besonders auch seine Porträtaufnahmen.»
Manche Fotografien eilen ihrem Urheber voraus. Man hat sie in Büchern, Zeitschriften oder Ausstellungen gesehen, sie prägen das Bild, das wir von bedeutenden Persönlichkeiten haben – und doch kennen nur wenige den Namen des Fotografen: Hannah Arendt, auf einem Sofa liegend, die Zigarette in der Hand. Thomas Mann am Schreibtisch. Albert Einstein mit jenem offenen, beinahe schelmischen Lächeln. Auch Bertolt Brecht, Marlene Dietrich, Marc Chagall oder Anna Seghers standen vor seiner Kamera. Die Bilder sind berühmt, Fred Stein ist es bis heute kaum.
Daniel Siemens holt ihn mit seiner Biografie ‚Der Fotograf Fred Stein. Ein deutsch-jüdisches Leben 1909–1967’ aus diesem Schatten. Er erzählt nicht nur von einem bemerkenswerten Fotografen, sondern von einem Leben, das auf besondere Weise mit den politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Fred Stein war Jurist und Sozialist. Nachdem ihm die Nationalsozialisten aufgrund seines Judentums seine berufliche Zukunft genommen hatten, floh er 1933 mit seiner Frau Lilo unter dem Vorwand einer Hochzeitsreise von Dresden nach Paris. Dort musste er sich eine neue Existenz aufbauen und wurde, zunächst aus der Not heraus, Fotograf. 1941 folgte die nächste Flucht, diesmal nach New York.
Mich interessiert die Geschichte jüdischer Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs seit vielen Jahren. Dieses Buch verbindet dieses Interesse mit meiner Leidenschaft für die Fotografie. Es zeigt nicht nur, was Flucht, Vertreibung und Exil mit einem Menschen machen, sondern auch, wie die politischen Umstände seinen Blick auf Menschen und die Welt und in diesem Fall seine fotografische Arbeit prägen. Fred Steins Bilder lassen sich nicht von seinem Leben trennen. Paris und New York waren nicht einfach reizvolle Kulissen, es waren die Städte seines Exils, Orte des erzwungenen Neubeginns, in denen er sich mit der Kamera eine neue Existenz und vielleicht auch eine Form von Zugehörigkeit schuf.
Siemens gelingt es, Steins persönliche Geschichte immer wieder in die historischen Zusammenhänge einzubetten. Das Buch ist deshalb sowohl Biografie als auch Zeitzeugnis. Es erzählt von Entrechtung und Flucht, von politischen Auseinandersetzungen und den Netzwerken deutschsprachiger Emigranten, aber auch vom mühsamen Alltag eines Mannes, der in einem fremden Land beruflich und gesellschaftlich Fuss fassen musste. Die geschichtlichen Exkurse wirken dabei nicht wie ein nachträglich angefügter Hintergrund. Sie machen verständlich, unter welchen Bedingungen Stein lebte, welche Menschen ihm begegneten und weshalb sein fotografisches Werk genau diese Gestalt annahm. Siemens schreibt fundiert, lebendig und stellenweise essayistisch, ohne die Komplexität der Epoche zu vereinfachen. Auch darin liegt die Stärke dieser ersten umfassenden Biografie.
Besonders eindrücklich ist der Zusammenhang zwischen Lebensgeschichte und fotografischer Haltung. Mit seiner Leica bewegte sich Stein durch die Strassen von Paris und später New York. Er fotografierte Alltagsszenen, Arbeiter, Kinder, politische Versammlungen und Menschen am Rand der Gesellschaft. Seine Aufnahmen sind aufmerksam und unmittelbar, doch nie blossstellend. Sie bewahren die Würde der Menschen, gerade dort, wo das Leben von Armut, Unsicherheit oder Ausgrenzung geprägt ist. In seinen Porträts wiederum suchte Stein nicht die repräsentative Pose, sondern den Moment, in dem etwas vom Menschen hinter der bekannten Persönlichkeit sichtbar wurde.
Vielleicht liegt gerade darin das Humanistische seiner Fotografie: Stein schaut nicht von aussen auf seine Motive. Sein Blick weiss um Verletzlichkeit, Verlust und die Erfahrung, nicht selbstverständlich dazuzugehören. Gleichzeitig bleiben seine Bilder dem Leben zugewandt. Sie zeigen Nähe, Humor, Eigenwilligkeit und jene kleinen Augenblicke, in denen ein Mensch mehr ist als seine gesellschaftliche Rolle.
Der Fotograf Fred Stein erzählt daher weit mehr als die Geschichte eines zu Unrecht wenig bekannten Fotografen. Das Buch zeigt, wie eng ein künstlerischer Blick mit den Umständen verbunden ist, unter denen er entsteht. Es macht sichtbar, dass Fotografie nicht ausserhalb der Geschichte steht, sondern von ihr geprägt ist und zugleich bewahren kann, was die Geschichte zu zerstören droht: Gesichter, Begegnungen, Würde und Erinnerung.
Die Lektüre holt nicht nur den Menschen Fred Stein ins Licht, sie hilft auch, dessen Bilder mit neuen Augen zu sehen und zu verstehen, wieso sie wirken, wie sie es tun.
