Warum ich das Unscheinbare fotografiere

Wohl jeder kennt die Bilder von spektakulären Sonnenuntergängen, von Sehenswürdigkeiten oder wunderbaren Landschaften. Manchmal sind es aber nicht diese grossen Dinge, die mich zur Kamera greifen lassen. Es braucht nicht immer ein grosses Motiv, eine schöne Aussicht oder Ereignis, dass ich denke: Das muss ich fotografieren. Manchmal ist es viel weniger. Ein Streifen Licht auf einer Wand. Der Schatten eines Geländers. Eine kleine Pflanze, die sich in einem Riss in der Wand ihren Platz gesucht hat. Spuren im Sand Eine Fläche, eine Form, eine Spiegelung.

Alles Dinge, an denen man leicht vorbeigehen könnte. Vielleicht interessieren sie mich gerade deshalb. Da ist etwas in einer Welt, die immer lauter nach Aufmerksamkeit schreit, das einfach still da ist. Es macht sich nicht wichtig, drängt sich nicht auf, zeigt sich erst, wenn ich selbst genau hinsehe.

Beim Fotografieren merke ich immer wieder, wie sehr sich die Welt verändert, sobald ich ihr Aufmerksamkeit schenke. Eine gewöhnliche Wand ist plötzlich nicht mehr nur eine Wand, wenn das Licht über sie wandert. Ein welkes Blatt wird plötzlich schön, wenn ich das feine Linienwerk seiner Blätter sehe. Die Kamera verändert die Dinge nicht, und doch verändert sich etwas. Ich denke, es ist mein Verhältnis zu den Dingen. Was ich zuvor kaum wahrgenommen habe, bekommt Gewicht. Nicht, weil es plötzlich besonders geworden wäre, sondern weil ich aufgehört habe, es zu übersehen.

Das fasziniert mich an der Fotografie: Sie kann Bedeutung entstehen lassen, ohne etwas hinzuzufügen. Sie braucht keine grosse Geschichte und kein aussergewöhnliches Motiv, sondern sie fordert mich auf, genauer hinzusehen. Für mich lässt sich das auch auf den Alltag übertragen. Wie vieles liegt in seiner Alltäglichkeit verborgen? Wie vieles nehmen wir für selbstverständlich, weil wir glauben, es längst zu kennen – die Menschen um uns eingeschlossen?

Unsere Augen und unser Denken teilen tagaus, tagein in Sekundenbruchteilen ein: wichtig oder belanglos, sehenswert oder vernachlässigbar. Die Kamera kann diese Ordnung durcheinanderbringen. Wenn ich fotografiere, wird eine kleine Bewegung im Licht plötzlich interessant. Ich bemerke Wiederholungen, Abstände, Strukturen. Ich sehe, wie zwei Formen miteinander sprechen oder wie eine Farbe erst durch ihre Umgebung zu leuchten beginnt. Manches davon wäre mir ohne die Fotografie vermutlich nie aufgefallen. Heute sehe ich es auch dann, wenn ich gar keine Kamera zur Hand habe.

Und da ist noch etwas: In der Kunst, aber auch sonst, hört man oft den Satz, etwas müsse uns etwas berühren, um Bedeutung zu haben. Das klingt, als liege diese Berührung allein in den Dingen selbst. Dabei vergessen wir leicht, dass wir uns auch berühren lassen müssen und dass dieses Berührtwerden stark davon abhängt, wieviel Aufmerksamkeit wir etwas schenken.

Eine Blüte ist nicht plötzlich schöner, weil ich sie fotografiere. Doch indem ich mich ihr zuwende, sehe ich mehr von ihr. Ich bleibe stehen. Ich nehme wahr. Für einen kurzen Moment bekommt etwas Raum, das vorher nur Teil des Hintergrunds war. Ich fotografiere das Unscheinbare jedoch nicht, weil ich glaube, überall müsse sich etwas Besonderes verbergen. Manchmal ist da auch nichts – und das ist in Ordnung. Doch wenn sich etwas zeigt, öffnet sich eine kleine neue Welt, in die ich eintauchen kann.

Vielleicht beginnt Schönheit manchmal genau dort, wo wir aufhören, nach ihr zu suchen, und anfangen, hinzuschauen.

6 Kommentare

  1. Es ist immer ein Mittun des Betrachtenden , wenn etwas gesehen wird.
    Man stelle sich auch ein wunderbares Kleinod vor, das von niemandem gesehen wird. Wenn ich es nicht entdecke und würdige, existierte es fast nicht.

    Gerade bei einer Blüte kann man durch eine Makroaufnahme erkennen, wie sie aufgebaut ist. Das nächste Mal weiß man vielleicht davon, wenn man sie von der Ferne sieht.

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  2. Guten Morgen ☀️
    Ich habe mir deinen Text mehrmals und sehr ausführlich durchgelesen. Bemerkenswert ist, dass ich mich in diesen Zeilen sehr gut wiedererkannt habe. Es ist interessant, dass ich wohl nicht der Einzige bin, der so viel über Wahrnehmung und das Sehen – Übersehen nachdenkt.

    Ich habe diese Sensibilität im Alter von 30 Jahren entwickelt. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht und mich dazu gebracht, mich zu fragen, wer ich bin, was ich fühle und warum die Dinge plötzlich anders und intensiver für mich waren.

    Ich hatte mich positiv verändert und auf einmal waren materielle Besitztümer wie mein Haus, mein Boot und mein Auto nicht mehr das Wichtigste. Mir wurde klar, dass ich aus dem Druck und dem alltäglichen Wahnsinn ausbrechen wollte, der von Stress und Machtkämpfen geprägt ist, und aus diesem modrigen Zustand der Gesellschaft.

    Auf einmal wusste ich, dass es in meiner kleinen Welt mehr gab, mehr von dem, was ich vorher nicht gesehen hatte. Einen kleinen Ort, ein kleines Universum, das nur mir gehörte.

    Das Blatt was du fotografiert hast, war bei mir damals ein Schmetterling.
    Es war der Flügel mit seinen vielen bunten Farben und dem filigranen Mustern.
    Ich hatte das Foto am Computer immer mehr vergrößert und auf einmal wurde mir bewusst,
    da ist noch mehr, viel mehr als das, was ich vorher nur mit bloßen Augen gesehen hatte.
    Ein kleiner Schmetterling, der mir etwas sehr wichtiges aufgezeigt hatte.

    Mein Leben hatte sich verändert, ich hatte mich verändert. Gleichzeitig hatte ich mehr gesehen, intensiver erlebt und gefühlt und mir mehr Fragen gestellt – wichtige Fragen an mich selbst.

    Ich hatte angefangen, mehr Zeit mit mir selbst zu verbringen und mich immer mehr um mich und die kleinen Dinge zu kümmern.

    Das heißt: Ich habe mich selbst wiedergefunden, mich selbst gefühlt und tief in mich hineingehört.

    Seit dem Zeitpunkt meiner Veränderung weiß ich genau, was ich für mich brauche, um ausgeglichen zu sein, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen und wirklich zu leben.

    Ich gehe und hetze nicht mehr den großen Dingen nach, sondern habe in den kleinen Dingen den Raum für mich gefunden, der mir am gesündesten erscheint und in dem ich mich selbst gesund fühle und mich positiv entfalten kann.

    Sicherlich mag das für andere Menschen uninteressant oder vielleicht auch nicht wichtig erscheinen. Für mich ist es jedoch ein alltäglicher Wegbegleiter.

    Für mich ist es wichtig zu wissen, dass ich nicht von der „Stange“ bin, dass ich mich ganz klar zu mir selbst bekenne und weiß, wer und was ich bin.

    All das mein Bauchgefühl und mein kleiner, gesunder Verstand sagen mir, dass ich mit mir im Einklang bin und dass innere Ruhe und Frieden für mich einen wahren Wert haben.
    Ich denke, daß du einen sehr wichtigen Prozess für dich selbst erlebst.

    Das fotografierte Blatt mit seinen Feinheiten und dem filigranen Eigenschaften, dein sehr passender Text dazu sprechen für sich.

    Es ist eine wahre Kostbarkeit und das wertvollste Geschenk an dich selbst.
    Sich selbst sehen, sich erkennen, sich nicht selbst zu übersehen, sich selbst wahrnehmen.

    Liebe Grüße, Michael

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    • Lieber Michael
      Ganz herzlichen. Dank für deinen offenen und persönlichen Einblick in deine Gedankenwelt und deine Entwicklung. Ich habe mich in vielem wiedererkannt. Ich war schon immer ein Mensch, der Fragen stellt – an mich, an die Welt, über die Welt. Ich nehme viel wahr, manchmal kann das zuviel werden. Es kann anstrengend sein, aber auch ein Geschenk. Vielleicht bin ich darum auch gerne alleine, ziehe mich oft zurück, weil ich da wieder auftanken kann. Das musste ich lernen – das ich dazu stehen und mir erlauben darf. Die Erwartungen von aussen sind oft andere und das Unverständnis ist gross. Früher habe ich meine Bedürfnisse übergangen, versuchte, mich anzupassen, zu entsprechen. Aber: Es war nicht meine Welt und nicht mein Leben. Zwar bin ich immer wieder eigene Wege gegangen, oft aber dann doch getrieben von äusseren Erwartungen und dem Gedanken, was ich machen und erreichen sollte.

      Ich bin sehr froh, konnte ich das mehr und mehr ablegen. Durch die vermehrte Ruhe nun, kann ich auch das Wahrnehmen geniessen – in seiner ganzen Völle. Und das ist ein Geschenk. Vielleicht konnte ich mich drum wieder der Fotografie zuwenden, die ich im Zuge von anderem Druck lange vernachlässigt, wenn nicht aufgegeben hatte und die mir je länger je mehr fehlte. Das soll mir nicht mehr passieren, denn sie ist mir zu wichtig.

      Liebe Grüsse zu dir
      Sandra

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