Farbe oder Schwarzweiss?

Oft gehe ich mit einer klaren Vorstellung ans Fotografieren, glaube schon da zu wissen wie das Bild am Ende aussehen soll. Und dann kommt es anders.

Bei einem Foto am Flughafen war es genau so. Ich hatte es mit einem Filter aufgenommen, der die Farben warm, leicht verblasst und fast ein wenig nostalgisch wirken liess. Mir gefiel diese Stimmung sofort. Das Rot der Heckflosse, die hellen Flächen, das etwas fahle Licht. Es roch förmlich nach Sommer, nach Reise, nach Erinnerung.

Als ich das Bild später nochmals grösser am Bildschirm anschaute, wurde ich unsicher. Ich machte eine Schwarzweiss-Version davon. Die Unsicherheit verstärkte sich. Plötzlich traten die Linien stärker hervor. Die Architektur, die Schrift, das Flugzeug, die Flächen – alles wurde klarer, grafischer, konzentrierter. Das Bild gewann an Prägnanz. Die Farbe hatte ihm Atmosphäre gegeben, Schwarzweiss gab ihm Struktur.

Am nächsten Tag passierte mir etwas Ähnliches mit der Makroaufnahme einer Blüte. Eigentlich hatte sie alles, was für Schwarzweiss spricht: feine Adern, Strukturen, Linien, Kontraste. Doch als ich die Farbe entfernte, fehlte mir etwas. Ich merkte, dass das zarte Rosa war nicht einfach Schmuck gewesen war, sondern zum Bild, zur Blüte gehört. Es gab der Blüte ihre Wirkung, machte sie weicher, verletzlicher, vielleicht auch lebendiger.

Da wurde mir wieder einmal bewusst, wie schnell wir versuchen, aus einer Vorliebe eine Regel zu machen. Ich mag Schwarzweiss sehr. Vielleicht mochte ich lange auch die Vorstellung, eine Schwarzweiss-Fotografin zu sein. Es hat etwas Konsequentes, Reduziertes, Ernsthaftes. Viele fotografische Arbeiten, die ich bewundere, besitzen genau diese Klarheit. Ein Stil, eine Sprache, eine erkennbare Welt.

Aber vielleicht entsteht eine eigene Handschrift nicht dadurch, dass man sich auf eine einzige Ausdrucksform festlegt, sondern zeigt sich vielmehr darin, wie man schaut.

Beim Flughafenbild führt mein Blick über Linien, Flächen und Kontraste. Dort scheint mir Schwarzweiss inzwischen stärker. Bei einer zarten Blüte oder einer sommerlichen Szene dagegen kann die Farbe selbst ein Teil dessen sein, was ich gesehen habe. Wärme lässt sich nicht immer in Grautöne übersetzen. Ebenso wenig Zartheit, ein bestimmtes Rosa, ein verblasstes Blau oder dieses besondere Licht eines heissen Tages.

Farbe muss dabei nicht immer laut sein. Aber sie muss auch nicht grundsätzlich abgeschwächt werden, nur damit sie „künstlerischer“ wirkt. Wenn sie das Bild trägt, darf sie klar sichtbar sein.

Vielleicht ist die Entscheidung deshalb gar nicht: „Bin ich eine Farb- oder eine Schwarzweiss-Fotografin?“ Sondern eher:

Was trägt dieses Bild?

Ist es die Form, das Licht, die Struktur, der Kontrast? Dann kann Schwarzweiss alles Unnötige zurücknehmen und den Blick konzentrieren.

Oder ist es gerade die Farbe, die eine Stimmung, eine Erinnerung, eine Wärme oder eine Zartheit entstehen lässt? Dann wäre es schade, sie aus Prinzip zu entfernen.

Ich werde diese Entscheidung künftig bei jedem Bild neu treffen. Nicht aus Beliebigkeit, sondern aus Aufmerksamkeit. Manchmal sagt ein Bild in Schwarzweiss mehr. Und manchmal ist es gerade ein leises Rosa, das alles erzählt.

8 Kommentare

  1. Daß ein Schwarzweißbild sprechen kann, merkte ich unlängst bei einem Naturfotografen, der ein auftauchendes Nilpferd aus den Fluten in SW zeigte. Da merkte ich: Das Tier und das Wasser sind eins.
    Nicht so sehr, weil das Nilpferd sich immer im Wasser aufhält, sondern weil „alles Atome sind“, ein einziges Gemenge, untrennbar. Also eher eine „wissenschaftliche“ Aussage.
    Diese Empfindung eines Eins hatte auch damit zu tun, daß ich mal ein Stilleben sah, in dem Strukturen durchs Bild waberten, die unabhängig von grob gezeichneten Kannen, Schüsseln ect waren. Die inere Struktur des Seins waberte durch alles hindurch.

    In deinem unteren Bild gefallen mir die gelben Wägelchen. Auch ein Kran hat diese Farbe.

    Gefällt 1 Person

    • Ich denke auch, dass bei SW die Strukturen und Formen besser zur Geltung kommen. Durch das Weglassen der Farbe zeigt sich oft mehr das Wesen, der Kern von etwas. Das ist wohl auch beim Eins-Werden des Flusspferdes mit de Wasser der Fall.
      Ich denke, bei meinem Bild funktionieren beide Versionen, sie haben einfach eine andere Aussage.

      Gefällt 1 Person

  2. Ich finde deine Gedanken dazu richtig schön. Und ich glaube, genau dieses
    „Es kommt manchmal anders als gedacht“ macht Fotografie so spannend.

    Besonders schön finde ich, dass du nicht versuchst, dich auf Schwarzweiß oder
    Farbe festzulegen, sondern schaust, was das jeweilige Bild braucht.
    Das Rosa der Blüte kann eben genauso wichtig sein wie die Linien und
    Strukturen des Flughafenbildes.

    Und dein Gedanke, dass sich die eigene Handschrift vielleicht nicht darin zeigt,
    was man fotografiert, sondern wie man schaut, gefällt mir sehr.
    Ich glaube, da ist wirklich etwas dran.

    Vielleicht musst du dich ja gar nicht entscheiden, ob man Farb- oder Schwarzweißfotografin ist.
    Man darf einfach das Bild so zeigen, wie es sich für einen selbst richtig anfühlt.
    Und manchmal ist eben genau dieses leise Rosa das, was du beim ersten Blick gefühlt hast.

    Es ist meiner Meinung nach nichts Richtig und auch nichts falsch.
    Du nutzt einfach dein Gefühl und deinen eigenen Daumabdruck für deine Fotografie.

    Gefällt 1 Person

    • Lieben Dank für deine Gedanken zu meinem Text. Deine Worte sprechen mir so sehr aus dem Herzen. Manchmal lasse ich mich verleiten von diesen Onlineprofilen, auf welchen Menschen gefühlt seit ewig immer am Gleichen dran sind: Streetfotografie in SW zum Beispiel. Dann denke ich: So konsequent möchte ich mal sein. So konsistent. Aber so bin ich einfach nicht. Ich mag das Freie, das Spielerische, das Herausfinden, was möglich ist – und ja, was für mich stimmig ist.

      Gefällt 1 Person

      • Ich formuliere jetzt recht vorsichtig, aber auch ehrlich, da mich diese Thematik persönlich auch sehr beschäftigt.

        Vielleicht musst du gar nicht so konsequent und konsistent sein wie diese Profile, die über Jahre scheinbar immer denselben Weg gehen. Deine Bilder und Texte erzählen für mich vielmehr davon, dass du dich auf das Leben einlässt, neugierig, offen und mit der Freiheit, immer wieder neu zu entdecken, was dich berührt. Ich denke, genau das ist deine ganz eigene Konsequenz.
        Nicht immer dasselbe zu fotografieren, sondern immer wieder das, was sich für dich im jeweiligen Moment stimmig und richtig anfühlt.
        Ich habe das Gefühl, dass deine Fotografie sehr viel von dem ausdrückt, was in dir selbst steckt. Dieses Spielerische, Feine, Suchende, manchmal auch dezent leise und dann wieder das überraschende.
        Du experimentierst, folgst deiner Intuition und
        lässt dir den Raum, du legst dich also nicht fest.

        Und deswegen wirken deine Bilder für mich so authentisch, weil sie nicht versuchen, etwas zu sein, sondern einfach zeigen, wie du die Welt fühlst und wahrnimmst. Es sollte meiner Meinung nach nicht deine Aufgabe sein, konsistent zu sein, vielleicht ist deine Vielfalt, deine Neugier und dieses freie „Sich“ Ausprobieren dürfen genau deine Handschrift.

        Ich glaube, man kann eine fotografischen Daumenabdruck oder auch Handschrift nicht nur daran erkennen, was jemand fotografiert. Man erkennt sie bestimmt auch daran, wie jemand fühlt.
        Und dieses „Wie“ sehe ich bei dir sehr deutlich.

        Gefällt 1 Person

      • Von Herzen danke. Ich denke, du triffst es damit schon sehr gut. Das ist auch immer das, was mich antreibt, was mich fasziniert. Ich zweifelte halt immer, ob das nach aussen sichtbar ist, ob es genügt, ob es den Ansprüchen der Zeit angemessen ist.

        Aber wie sagte Rick Rubin kürzlich so schön in einem Interview (ich hörte es kürzlich, es war wohl schon älter): Audience comes last. Man solle machen, was man im Herzen fühlt. Gefällt es jemandem, fein, wenn nicht, schade, doch dafür würde er keinen Strich an dem ändern, was er machen wollte.

        Klingt so einfach und auch richtig – fällt mir nicht immer leicht. Aber ich lerne. Immer besser.

        Gefällt 1 Person

      • Und genau darin liegt die absolute Wahrheit:
        Geh du deinen eigenen Weg, dem weg der dir bestimmt ist, lass dich nicht von fremden Stimmen leiten, sondern von deiner eigenen.
        Deinem Herz und deinem Bauchgefühl.

        Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar