Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Fotografie gerade jetzt wieder zentral in meinem Leben ist. Ich habe lange versucht, das Leben vor allem denkend zu begreifen. Ich habe gelesen, geschrieben, nach Begriffen gesucht, Zusammenhänge hergestellt, Fragen gewälzt und bin darüber so müde geworden. Die Kamera verlangt etwas anderes von mir. Sie fordert mich nicht auf, die Welt zu erklären, sie sagt nur: Schau hin.
Fotografieren beginnt mit Aufmerksamkeit. Mit der Bereitschaft, etwas wahrzunehmen, an dem ich sonst vorbeigegangen wäre: eine Linie aus Licht auf einer Wand, den Schatten eines Geländers, eine Blüte, die ihre besten Tage längst hinter sich hat, einen Vogel, der mit neugierigem Blick neben meinem Tisch sitzt. Nichts davon ist spektakulär und doch kann plötzlich etwas darin liegen, das mich innehalten lässt. Es ist nicht die Welt, die sich ändert, sondern mein Blick.
Ich lerne, dass Bedeutung nicht immer dort wartet, wo das Grosse, Neue oder Aussergewöhnliche geschieht. Oft liegt sie im Unscheinbaren. Ich muss es nur sehen. Vielleicht gilt das für das Leben überhaupt. Wir warten auf besondere Ereignisse, auf Erfolge, Reisen, Begegnungen, auf irgendeinen Moment, von dem wir glauben, dass er unserem Leben Gewicht geben wird, dabei besteht der grösste Teil unseres Lebens aus gewöhnlichen Tagen. Wie wenig bliebe, zählte nur das Herausragende.
Dann ist da die Geduld. Nicht gerade meine grösste Tugend. Die Fotografie zwingt mich gelegentlich dazu. Licht lässt sich nicht kommandieren. Manchmal stimmt die Szene, aber der Augenblick noch nicht. Manchmal habe ich eine Vorstellung im Kopf und muss feststellen, dass sich die Wirklichkeit dafür nicht interessiert. Da nützt alles Ärgern nichts. Auch das ist eine brauchbare Übung fürs Leben.
Nicht alles lässt sich planen. Nicht alles wird so, wie ich es mir vorgestellt habe. Vielleicht liegt etwas Interessantes gerade dort, wo mein Plan nicht aufgeht. Die Fotografie hat mich mehr Gelassenheit im Umgang mit solchen Dingen gelehrt. Ich kann Bedingungen schaffen, aufmerksam sein, bereit sein, aber am Ende bleibt immer etwas, das sich meiner Kontrolle entzieht. Und gerade dadurch entsteht manchmal das beste Bild.
Die Fotografie lehrt mich ausserdem, dass Schönheit nicht Makellosigkeit bedeutet. Eine verblühte Blume kann mich mehr berühren als eine perfekte. Eine verwitterte Wand kann spannender sein als eine frisch gestrichene. Falten, Spuren, Brüche, Schatten, vieles, was wir im Leben gern beseitigen würden, macht ein Bild überhaupt erst interessant.
Je länger ich fotografiere, desto deutlicher merke ich, dass ich nicht alles fotografieren, nicht jedes Genre beherrschen, nicht Bilder machen muss, nur weil andere sie für wichtig halten. Jeder hat seinen persönlichen Blick auf die Welt und daraus entsteht mehr als ein fotografischer Stil. Es ist eine Art, in der Welt zu sein. Meine Art.
Die Kamera wird damit zu einem erstaunlich ehrlichen Instrument. Sie zeigt mir nicht nur die Welt, sondern nach und nach auch mich selbst. Was suche ich? Worauf reagiere ich? Was berührt mich? Was übersehe ich? Was halte ich für schön? Und warum?
Darauf gibt es keine endgültigen Antworten und das ist gut so. Ich muss nicht immer wissen, wohin etwas führt. Es reicht, mit offenen Augen loszugehen und zu schauen, was mir begegnet.


Ich verstehe dich sehr gut und vermute, was dich beschäftigt.
Ich oute mich jetzt einmal….
Meine Fotografie ist meine Pille im Leben.
Sie hat mich vor unendlich vielen Jahren wieder vor die Tür gebracht. Hinaus aus meiner kleinen, eigenen Welt und zurück in die „soziale Welt“ – mit all ihren Facetten, ihren schönen und schweren Momenten, ihren großen und kleinen Geschichten.
Damals habe ich noch nicht verstanden, wohin mich die Fotografie führen würde. Heute glaube ich, dass sie mir etwas zeigen und vielleicht auch etwas lehren wollte. Sie hat mir geholfen, mich zu finden, mich zu erden, mich zu beruhigen und meinen Blick auf das Wesentliche zu richten.
Als sehr sensibler Mensch nehme ich vieles intensiver wahr. Gefühle, Stimmungen, Menschen, Situationen – manchmal ist diese Sensibilität wunderschön, manchmal aber auch anstrengend. Die Fotografie hat mir einen Weg gegeben, damit umzugehen.
Wenn ich meine Kamera in den Händen halte, verändert sich etwas in mir. Ich werde ruhig. Ich komme bei mir an. Für diesen Moment gibt es nichts anderes.
Keine schlechten Gedanken.
Keine Traurigkeit.
Keinen Stress.
Keine belastenden Gefühle.
Dann bin ich in meiner eigenen, kleinen und doch vollkommen gesunden Welt zu Hause.
Meine Kamera ist für mich ein **Saferoom** – ein geschützter Raum, in dem ich auftanken darf. Ein Ort, an dem ich wieder Kraft finde und positive, gesunde und wunderschöne Momente sammeln darf.
Und vielleicht ist genau das die größte Gabe der Fotografie: Sie lässt mich innehalten.
Sie zwingt mich nicht, schneller zu werden, sondern lehrt mich, genauer hinzusehen. Einen Augenblick länger zu verweilen. Das Licht wahrzunehmen. Einen Menschen zu sehen. Eine kleine Schönheit am Wegesrand zu entdecken, die andere vielleicht übersehen.
Die Fotografie hat mir beigebracht, dass das Schöne nicht immer groß und spektakulär sein muss. Manchmal liegt es in einem Blick, einem Lächeln, einem Lichtstrahl, einem stillen Moment oder in einer ganz unscheinbaren Szene des Lebens.
Meine Kamera gibt mir die Möglichkeit, diese Momente festzuhalten – aber noch viel wichtiger: **Sie gibt mir die Fähigkeit, sie überhaupt wieder zu sehen.**
Deshalb ist die Fotografie für mich so viel mehr als ein Hobby.
Sie ist mein Rückzugsort.
Meine Ruhe.
Meine Erdung.
Meine Verbindung zur Welt.
Meine kleine Therapie des Alltags.
Und manchmal einfach meine Pille, die mir hilft, wieder das Schöne im Leben zu sehen.
Jeden Tag aufs Neue.
Und dafür bin ich unendlich dankbar.
Liebe Grüße,
Michael
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Lieber Michael
Von Herzen danke für diesen Kommentar. Ich finde mich in deinen Worte so sehr wieder, empfinde so vieles gleich. Genau das war die Fotografie für mich auch und genau dahin führt sie mich auch nach einer Pause wieder. Ich bin sehr dankbar dafür. Ja, Sensibilität hat zwei Seiten. Sie missen würde ich nicht wollen und doch überfordert sie mich teilweise. Es ist viel schnell zu laut, zu viel, ich verliere mich darin, fühle mich unwohl. Die Kamera ist hier Halt und Hafen, ja, eine Art „Saferoom“. Ich merke, dass ich manchmal noch Mühe habe, ihn zu betreten, ich muss wieder mehr reinwachsen, aber ich bin auf dem Weg.
Liebe Grüsse
Sandra
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