Buchtipp – Robert Mertens: «Landkarte deiner Fotografie»

Manche Bücher erklären, wie man bessere Fotos macht. Sie behandeln Blende, Belichtungszeit und Bildaufbau, empfehlen Objektive oder führen durch die Möglichkeiten der Bildbearbeitung. Robert Mertens geht in Landkarte deiner Fotografie einen anderen Weg. Er stellt nicht die Technik ins Zentrum, sondern den Menschen hinter der Kamera: seine Wahrnehmung, seine Interessen, seine Zweifel und die Frage, was er mit seinen Bildern eigentlich ausdrücken möchte.

Schon beim ersten Durchblättern fällt auf, wie aussergewöhnlich schön dieses Buch gestaltet ist. Landkarte deiner Fotografie ist selbst ein kleines Kunstwerk: sorgfältig komponiert, abwechslungsreich, verspielt, ohne überladen zu wirken. Fotografien, typografische Elemente, freie Flächen und kurze Texte verbinden sich zu einem Buch, das man gerne in die Hand nimmt und in dem man sich verlieren kann. Die Gestaltung begleitet den Inhalt nicht bloss, sie ist Teil davon. Sie macht sichtbar, worum es Mertens geht: um Neugier, Entdeckung und die Freude daran, den gewohnten Blick zu verlassen.

Der Untertitel verspricht die Entdeckung des eigenen fotografischen Weges. Dazu versammelt Mertens mehr als 350 Denkanstösse und Fragen. Statt Regeln aufzustellen, öffnet er gedankliche Räume: Was zieht mich immer wieder an? Welche Themen kehren in meinen Bildern zurück? Welche Rolle spielen Erinnerungen, Stimmungen oder persönliche Erfahrungen? Wo folge ich lediglich bekannten Vorstellungen davon, was ein gutes Foto sein soll? Und was könnte entstehen, wenn ich mich davon löse?

Dabei geht es um den eigenen Standpunkt, um Veränderungen, Bildserien, Arbeitsweisen und den Mut, fotografisch neue Wege einzuschlagen. Das Buch fordert dazu auf, genauer hinzusehen – nicht nur auf die Welt vor der Kamera, sondern auch auf die eigenen Beweggründe. Weshalb fotografiere ich überhaupt? Was suche ich? Was übersehe ich? Welche Bilder würde ich machen, wenn ich niemandem gefallen müsste? Technik und Ausrüstung treten zurück hinter die Frage, wie eine eigenständige Bildsprache entstehen kann. ([Thalia][2])

Gerade darin liegt die Stärke des Buches. Es gibt nicht vor, wohin die Reise führen soll. Eine Landkarte ist schliesslich kein festgelegter Weg. Sie zeigt Möglichkeiten, Abzweigungen und noch unbekannte Gebiete. Gehen muss man selbst. Mertens liefert keine Patentrezepte für Kreativität, sondern regt dazu an, die eigene Aufmerksamkeit zu schärfen und den persönlichen Themen zu vertrauen. Das kann helfen, aus fotografischen Routinen herauszufinden, den Blick wieder zu öffnen und die eigene Arbeit bewusster wahrzunehmen.

Allerdings sollte man dieses Buch nicht wie einen gewöhnlichen Ratgeber von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen. Wer zu viele der kurzen Impulse unmittelbar hintereinander konsumiert, wird merken, dass sich trotz aller Vielfalt eine gewisse Gleichförmigkeit einstellt. Was zunächst inspiriert und hineinzieht, kann mit der Zeit ein wenig verleiden. Das liegt weniger an der Qualität der einzelnen Gedanken als an ihrer Fülle. Fragen brauchen Raum. Werden sie zu schnell nacheinander gestellt, verlieren sie ihre Wirkung. Landkarte deiner Fotografie* entfaltet seinen Wert deshalb am besten, wenn man es langsam und absichtslos benutzt. Man kann es irgendwo aufschlagen, einen Gedanken herausgreifen und das Buch danach wieder schliessen. Manche Fragen begleiten einen auf einen Fotospaziergang, andere lassen sich auf eine bestehende Serie oder auf das eigene Archiv anwenden. Wieder andere verlangen, dass man länger bei ihnen bleibt, etwas aufschreibt, ausprobiert oder die Kamera zunächst ganz beiseitelegt.

Wer sich wirklich auf diese Fragen einlässt, erfährt nicht nur etwas über die eigene Fotografie. Denn was wir sehen, was uns berührt und worauf wir unsere Kamera richten, hat immer auch mit uns selbst zu tun. Unsere Bilder erzählen von unserer Aufmerksamkeit, unseren Sehnsüchten, unseren Ängsten und davon, wie wir uns zur Welt verhalten. Die Suche nach dem eigenen fotografischen Ausdruck wird damit unweigerlich zu einer Form der Selbsterkundung.

Bei all dem wirkt das Buch nie belehrend oder akademisch. Mertens schreibt als Begleiter, nicht als Lehrmeister. Er lässt offen, welche Antwort richtig ist – und ob es überhaupt eine endgültige Antwort gibt. Entscheidend ist die Bereitschaft, die eigene Fotografie nicht nur danach zu beurteilen, ob ein Bild technisch gelungen oder öffentlich erfolgreich ist, sondern danach, ob es etwas Eigenes enthält.

Landkarte deiner Fotografie ist damit weniger ein Buch zum Lesen als eines zum Benutzen. Es ist Inspirationsquelle, Arbeitsbuch, Bilderbuch und kreativer Wegbegleiter zugleich. Wer schnelle Anleitungen oder eindeutige Regeln sucht, wird hier nicht fündig. Wer aber der eigenen Kreativität auf die Spur kommen und herausfinden möchte, welche fotografischen Möglichkeiten noch unentdeckt in ihm liegen, findet darin eine Fülle kluger Anregungen.

Ein wunderschön gestaltetes Buch, das einen unmittelbar hineinzieht – vorausgesetzt, man widersteht der Versuchung, es in einem Zug durchzuarbeiten. Sein eigentlicher Wert liegt im Innehalten: eine Seite, eine Frage, ein Gedanke. Und dann hinausgehen, schauen und fotografieren.

Hinterlasse einen Kommentar