Bilder im Kopf

Kürzlich sass ich auf der Terrasse, da sah ich es: das Licht, wie es sich im Grün der Blätter verfing und diese in die unterschiedlichsten Schattierungen derselben Farbe tauchte.
Das passiert mir oft: Ich sehe Bilder, bevor ich überhaupt eine Kamera in der Hand halte. Wobei: Noch ist es kein Bild im eigentlichen Sinn. Da ist nur etwas, das meinen Blick festhält. Ein Licht, das anders fällt als noch einen Moment zuvor. Eine Linie, die plötzlich mit einer anderen korrespondiert. Eine Bewegung, ein Schatten, eine Haltung. Etwas, an dem ich sonst vielleicht vorbeigegangen wäre und das mich nun für einen Augenblick nicht weitergehen lässt.

Es muss nicht einmal zwingend ein Bild daraus entstehen. Schon das Sehen all dieser Dinge ist für mich eine grosse Bereicherung und lässt mich immer wieder staunen. Fotografieren beginnt für mich nicht mit dem Auslösen und auch nicht mit den Einstellungen an der Kamera. Es beginnt mit diesem kurzen Innehalten, mit dem Gefühl: Da ist etwas.

Was dieses Etwas ist, lässt sich oft nicht sofort benennen. Es kommt sogar vor, dass ich es erst später beim Betrachten eines Fotos erkenne. Es kann vieles sein: eine bestimmte Ordnung, ein Kontrast zwischen Hell und Dunkel, eine Farbe oder auch ihr Fehlen. Es kann eine Irritation sein oder einfach eine Stimmung, die sich manchmal gar nicht eindeutig erklären lässt.

Früher hätte ich vielleicht schneller gefragt: Ist das überhaupt ein Motiv? Heute interessiert mich diese Frage weniger. Denn vieles von dem, was mich fotografisch anspricht, wäre nach klassischen Massstäben kaum der Rede wert: ein Stück Wand, ein Schatten, eine verblühte Blüte, eine Spiegelung, ein Ausschnitt aus einer Fassade. Und doch kann darin für einen Moment etwas sichtbar werden, das mich berührt.

Die Kamera kommt erst danach. Dann beginnt das Spiel mit dem Licht, mit dem Ausschnitt, der Tanz um das Motiv, die Suche nach Linien, Formen, Flächen und Schatten. Ich suche nach dem, was mich angezogen hat, und danach, wie ich es im Bild bewahren kann.

Das funktioniert nicht immer. Manchmal verfliegt der Augenblick und ich sehe durch den Sucher nichts mehr von dem, was mich zuvor festgehalten hat. Oder das Etwas lässt sich nicht entsprechend abbilden, die Wirkung verfliegt auf dem Foto. Auch das gehört dazu. Nicht alles, was mich innehalten lässt, muss zu einem Bild werden.

Vielleicht schärft gerade dieses Sehen ohne Ergebnis den fotografischen Blick. Denn je öfter ich wahrnehme, was mich festhält, desto genauer lerne ich auch, worauf ich eigentlich reagiere. So entsteht mit der Zeit etwas wie eine eigene Bildsprache – nicht allein dadurch, was ich fotografiere, sondern schon dadurch, woran mein Blick hängen bleibt.

Das eigentliche Fotografieren beginnt deshalb für mich oft lange vor dem Auslösen. Es beginnt in dem Moment, in dem aus Sehen Aufmerksamkeit wird.

4 Kommentare

  1. Liebe Sandra.
    Das kenne ich doch von mir 🙂 Ich finde es wunderbar, dass du das machst.
    Ich werde gerne noch ausführlicher etwas dazu schreiben…. Etwas später.
    Liebe Grüße Michael.

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  2. Guten Abend liebe Sandra.

    Es ist schon recht spät, dennoch habe ich versprochen dir zu antworten.

    Ich glaube, ich verstehe sehr gut, was du damit meinst. Für dich beginnt Fotografie nicht erst
    in dem Moment, in dem du die Kamera in die Hand nimmst, sondern viel früher in dem Augenblick,
    in dem du etwas wirklich wahrnimmst und dein Blick daran hängen bleibt, so kenne und
    weiß ich das von mir.

    Ich finde den Gedanken schön, dass nicht jedes dieser besonderen Dinge am Ende überhaupt ein Foto werden muss. Manchmal reicht es schon, etwas zu sehen, das einem vorher vielleicht entgangen wäre, und für einen Moment innezuhalten, auch das ist etwas Besonderes und auch hier fühle ich gleich. Ich denke, es ist genau dieses bewusste Sehen das, was den eigenen fotografischen Blick mit der Zeit prägt und das ausgeprägte Feingefühl für diesen Moment.

    Besonders gefällt mir dein Gedanke, dass aus diesem „Da ist etwas“ erst später ein Bild entstehen kann. Ich fotografiere dann nicht einfach nur, was vor mir ist, sondern versuche, etwas von dem festzuhalten, was ich in diesem Moment empfunden oder gesehen habe.

    Ich glaube, genau darin liegt für dich, genauso wie für mich das Besondere an der Art zu fotografieren: Du fotografierst nicht nur Motive, sondern vor allem das, was deinen Blick berührt, du eine Verbindung herstellst und es auch sensibel fühlst.

    Ich wünsche dir eine Ruhige und entspannte gute Nacht.

    Liebe Grüße Michael

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    • Lieber Michael
      Lieben Dank für deine Nachtgedanken. Du hast sehr gut erfasst, was ich meine, ja. Ich mache mir immer am Morgen Gedanken, notiere was dazu. Bevor ich deine Antwort hier las, widmete ich mich dem Thema, dass nicht alles nach aussen muss. Ich denke, wir sind heute so angetrieben, alles zu zeigen, überhaupt etwas zu zeigen, dass die Gefahr besteht, alles nach seiner „Verwertbarkeit“ zu prüfen. Das ist schade, denn dadurch entgeht einem viel Persönliches, vieles, das eben in keine zeigbare Schublade passt, sondern eigenen Interessen und Gefühlen folgt. Ich glaube, das geht ins Gleiche. Nicht alles muss ein Bild werden, nicht jedes Bild muss geteilt werden.

      Die wahre Bereicherung ist, wie du auch schreibst: Zu merken, wie das Hinsehen immer tiefer geht, ich immer mehr sehe und wahrnehme durch die Arbeit mit der Kamera. Das reicht dann ins Leben hinein, auch dann, wenn ich keine Kamera zur Hand habe.

      Hab einen schönen Tag, liebe Grüsse
      Sandra

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