«Sie werden feststellen, dass es bei genialen Fotos weniger um technisches Know-How und vielmehr darum geht, Ihr wertvollstes Instrument zu bedienen – Ihre Augen.»
Wie erfrischend, wenn ein Buch nicht mit technischen Formeln, sondern damit beginnt, was Fotografie ausmacht: Genaues Hinsehen. Henry Carroll interessiert in Big Shots! Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen weniger, was eine Kamera alles kann, als die Frage, was ein Fotograf mit ihr sichtbar machen möchte.
Das Buch ist in die fünf Bereiche Komposition, Belichtung, Licht, Objektive und Sehen gegliedert. Carroll führt jeweils knapp in die Grundlagen ein und zeigt anschliessend anhand von rund fünfzig Fotografien, wie bekannte Fotografinnen und Fotografen diese Mittel eingesetzt haben. Vertreten sind unter anderem Ansel Adams, Dorothea Lange, Henri Cartier-Bresson, René Burri und Martin Parr. Dabei erscheinen die Bilder nicht bloss als schmückende Beispiele. Carroll fragt nach ihrer Wirkung und macht nachvollziehbar, weshalb eine bestimmte Perspektive, eine ungewöhnliche Belichtung oder ein vermeintlicher Regelverstoss genau zu diesem Motiv passt.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches. Fotografische Regeln werden nicht als unumstössliche Gesetze präsentiert, sondern als Möglichkeiten, die man kennen sollte, um bewusst mit ihnen umgehen zu können. Ein eindrückliches Beispiel ist Bill Brandts Porträt von Francis Bacon: Nach gängigen Regeln ist an diesem Bild vieles falsch. Doch gerade die Verzerrung, das Unausgewogene und Verstörende werden dem porträtierten Künstler sehr viel gerechter, als es eine harmonische Komposition nach der Drittelregel je könnte.
Carroll schreibt verständlich, direkt und ohne technisches Imponiergehabe. Blende, Verschlusszeit oder Brennweite werden dort erklärt, wo sie für die Bildwirkung wichtig sind. Wer eine umfassende Einführung in Kameratechnik sucht, wird deshalb manches vermissen. Auch die einzelnen Bildbesprechungen bleiben zwangsläufig kurz, über das Leben der Fotografen, den historischen Hintergrund ihrer Werke oder die Entwicklung ihrer Bildsprache erfährt man nur wenig. Das Buch funktioniert jedoch ausgezeichnet als kompakte Schule des Sehens. Es vermittelt, dass ein gutes Foto nicht aus der korrekten Anwendung einiger Regeln entsteht. Technik kann helfen, eine Vorstellung umzusetzen, sie ersetzt aber weder Aufmerksamkeit noch eine eigene Haltung zum Motiv. Entscheidend ist, zu erkennen, was ein Bild erzählen soll – und daraus die fotografischen Mittel abzuleiten.
Big Shots! ist damit besonders für Menschen geeignet, die sich nicht durch seitenlange technische Erklärungen arbeiten möchten, aber dennoch verstehen wollen, weshalb bestimmte Fotografien wirken. Die Aufmerksamkeit wird weg von der Ausrüstung und hin zum Bild, vom blossen Beherrschen der Kamera zum eigentlichen Fotografieren gelenkt.
Anfänger erhalten einen leicht zugänglichen Überblick, Fortgeschrittene finden Erinnerungen und Anregungen, den eigenen Blick wieder bewusster einzusetzen. Vor allem aber macht das Buch Lust, die Kamera in die Hand zu nehmen und das Gelesene auszuprobieren.

